Main-Echo Bericht vom 12.12.2016 „Die Pferdeseelenheilerin“

Main-Echo Bericht 12.12.2016

Die Pferdeseelenheilerin
Tierwelt: Katrin Ehrlich aus Mömbris hat ihren eigenen Weg mit Vierbeinern gesucht und gefunden
Mömbris Sonntag, 11.12.2016 – 19:45 Uhr
Der Atem der Tiere dampft in der kalten Luft. Die gefrorene Wiese knirscht unter ihren Huftritten. Katrin Ehrlich ruft – und Brego und Geronimo traben neugierig heran. Glück hat viele Gesichter: Ein Leben in Harmonie zusammen mit ihren Pferden, das ist eine Form davon für Ehrlich.
Und sie weiß das zu schätzen, denn Katrin Ehrlich hat viel erlebt. Wie Pferde gebrochen wurden, damit sie für Menschen funktionieren. Wie sie gefügig gemacht wurden mit harten Methoden. Und wie sie sich innerlich aufgegeben haben, weil sie irgendwann müde waren, dagegen anzukämpfen. Sie hat Pferde mit Burn Out erlebt. Tiere, die Depressionen hatten. Vierbeiner, die sich aus Verzweiflung immer wieder selbst verletzt haben. All das ist ihr in ihren 35 Jahren, die sie in diesem Bereich tätig ist, begegnet. Inklusive der Menschen, die dazu gehören.
Daraus hat sie ihre eigenen Lehren gezogen. Ihre eigenen Schlüsse. Und das hat die Tierheilpraktikerin und Pferdewirtin, die mit Lebensgefährte und Tieren in Mömbris-Angelsberg (Kreis Aschaffenburg) lebt und die auch mal auf dem Gestüt Hörstein gearbeitet hat, aufgeschrieben. »Seelenfreunde« heißt ihr Buch. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich irgendwann vom herrschenden Standard enttäuscht abwendet und ihren eigenen Weg mit und zu den Tieren sucht.
Die sich entschließt, auf Gewalt und Druck zu verzichten und dafür lieber auf Konsequenz und auf individuelle Veranlagung des Tieres zu setzen. »Das heißt nicht, dass es bei mir nur Kuschelkurs gibt. Es ist eine Mischung aus Disziplin und Lebensfreude«, erklärt sie, während sie Brego unter seinem Kinn krault. Auch müssten die Haltungsbedingungen stimmen: Pferde seien Lauftiere, die die Möglichkeit haben müssten, sich 24 Stunden zu bewegen. »Nicht nur eine Stunde unter dem Sattel«, sagt sie und schaut ihrem alten Wallach Geronimo hinterher, der gerade die Weitläufigkeit der Weide nutzt und neugierig in die hinterste Ecke marschiert, weil ein Jogger am Waldrand vorbeikommt.
»Eine Pferdeflüsterin bin ich aber nicht«, meint sie. Vielmehr bringe sie in Unruhe geratene Pferdeseelen wieder ins Gleichgewicht. Weil sie erst mal zuhöre und versuche zu erspüren, was das Pferd überhaupt für ein Problem hat. »Wo hat es Angst? Warum will es nicht auf den Hänger? Wieso möchte es sich nicht mehr reiten lassen? Warum kann ich es nicht anfassen?« – das seien typische Fragen. Erst, wenn sie das herausgefunden hat, beginnt sie, sich eine Strategie dazu zu überlegen. Der Ängstliche bekommt Aufgaben, die sein Selbstbewusstsein stärken. Der Hängerhasser wird irgendwann von selbst in den Transporter laufen – mit Begeisterung. Weil Ehrlich ihm vermittelt hat, dass der enge Kasten keine Gefahrenquelle ist, sondern nur ein Transportmittel. Und der sauergekochte Burn Out-Kandidat bekommt Freizeit verordnet – mit Köpfchen.
Geholfen hat sie inzwischen vielen Tieren und ihren Besitzern. Die Pferde, die sie aus dem Tierschutz übernommen und therapiert hat, hat sie danach weitervermittelt. Carpi zum Beispiel: Das deprimierte Schulpferd, das einst auf Springturnieren brilliert hatte und das sich mit einem Mal noch nicht mal mehr satteln lassen wollte. Von ganz von vorne hat sie wieder mit dem braunen Wallach begonnen. Kleine Schritte, Zeit, viel Lob, aber auch Rückschritte gab es immer wieder. Ein Jahr hat sie mit ihm gearbeitet – bis eines Tages ein junges Mädchen aus Heigenbrücken (Kreis Aschaffenburg) auf Ehrlichs Anzeige hin bei ihr anrief und Carpi kennenlernen wollte. Als sie zur Weide kamen, galoppierte das einst so verschlossene Tier freudig wiehernd auf das Mädchen zu. Seitdem sind Celine und Carpi unzertrennlich. Das Mädchen ist glücklich – und das Pferd ist es auch wieder.
Partnerschaft und Teamarbeit
Das ist auch der Kern von Ehrlichs Botschaft: Im Zusammensein mit dem Pferd geht es immer um Partnerschaft, um den Teamgedanken. Was heute oft genug schon allein dadurch unmöglich gemacht wird, weil alles heute schnell gehen muss, sagt Ehrlich. »Zeit ist Geld. Die Pferde werden schnell angeritten. Die sind oft im Kopf noch nicht so weit, wenn sie schon in Dressurlektionen brillieren oder Sprünge meistern sollen. Und zügig sind sie dann überfordert«, meint sie. Auch ein häufiger Stall- und Besitzerwechsel bedeuten purer Stress für Tiere, für die die gewohnte Herde Sicherheit heißt. Aber man kann sich als Pferdebesitzer und Reiter bewusst für einen anderen Weg entscheiden: den, bei dem man erst gar keine Heilerin für die kaputt gegangene Pferdeseele braucht. Das wäre auch Ehrlich am liebsten.
Bettina Kneller

Hintergrund: Tipps in Buchform oder als Seminar
• Das Buch: »Seelenfreunde« von Katrin Ehrlich als Paperback (19,90 Euro) und als E-Book (12,99 Euro) unter anderem in den Buchhandlungen Diekmann und Thalia in Aschaffenburg oder in der Tierheilpraxis von Ehrlich erhältlich (Katrin Ehrlich, Angelsberg 25, 63776 Angelsberg, Telefon 0 60 29/52 54; Internet www.tierheilpraxis-ehrlich.de)
• Das Seminar »Die homöopathische Stallapotheke für das Pferd«: Samstag, 4. Februar 2017, 11 bis 15 Uhr, Reiterverein Aschaffenburg, Obere Schellenmühle, Schmerlenbacher Straße 50.